Blog · Tachogenauigkeit

Warum zeigt der Tacho meines Autos einen anderen Wert als das GPS?

Aktualisiert am 2026-05-04 · 9 Min. Lesezeit

Du siehst auf das Armaturenbrett, es zeigt 70 mph. Du siehst auf das Handy mit laufendem GPS, es zeigt 67. Dasselbe Auto, derselbe Moment, drei Meilen pro Stunde auseinander. Das ist kein Fehler. Das ist eine gesetzliche Vorgabe, und nahezu jedes Auto auf der Straße macht das so. Hier ist die ganze Geschichte.

Die kurze Antwort

Werkseitige Auto-Tachometer sind so kalibriert, dass sie leicht zu hoch anzeigen, fast immer zwischen 2 und 5 mph (3 bis 8 km/h) über deiner tatsächlichen Geschwindigkeit bei Autobahntempo. Sie sind nie so kalibriert, dass sie zu niedrig anzeigen, weil das in den meisten Ländern illegal wäre. Ein GPS-Wert, der direkt aus deiner Position relativ zu Satelliten abgeleitet wird, ist von der Physik her deutlich genauer. Dein Armaturenbrett nennt dir eine Zahl mit eingebautem Sicherheitspuffer, das GPS nennt dir die echte Zahl.

Die Vorschrift, die das verursacht

In der Europäischen Union werden Tachometer durch die UNECE-Regelung Nr. 39 geregelt. Die Regel ist kurz und eindeutig. Die angezeigte Geschwindigkeit darf nie niedriger sein als die tatsächliche Geschwindigkeit, und sie darf die tatsächliche Geschwindigkeit um höchstens 10 Prozent plus 4 km/h überschreiten. Bei einer echten Geschwindigkeit von 100 km/h darf das Armaturenbrett also alles zwischen 100 km/h und 114 km/h anzeigen. 99 darf es nicht zeigen.

Die Vereinigten Staaten verwenden eine ähnliche, aber etwas großzügigere Regelung nach FMVSS 49 CFR 571.101. Die maximal erlaubte Überanzeige liegt bei Autobahntempo bei etwa 5 mph. Wie in Europa ist eine Unteranzeige nicht zulässig. Großbritannien, Japan, Australien und Kanada haben vergleichbare Toleranzregeln.

Aus Sicht des Herstellers ist die Rechnung offensichtlich. Wenn du auf echte Genauigkeit zielst, zeigt die Hälfte deiner Produktion versehentlich zu niedrig, und das ist ein Rückruf. Zielst du etwas zu hoch, liegt die gesamte Charge bequem innerhalb des gesetzlichen Rahmens. Den Zeiger 3 bis 5 Prozent über der Wahrheit einzustellen, ist der sichere Industriestandard.

Woher die Überanzeige kommt

Ein klassischer Tachometer misst die Drehzahl der Räder (oder bei modernen Autos die Drehzahl der Getriebeausgangswelle) und multipliziert sie mit dem angenommenen Radumfang. Drei Dinge bestimmen, wie daraus eine angezeigte Zahl wird:

  • Die Drehungen pro Sekunde aus dem Sensor
  • Der im Steuergerät hinterlegte angenommene Reifenumfang
  • Der bewusst in der Firmware codierte Versatz

Moderne Autos haben kein analoges Kabel mehr. Das Motorsteuergerät liest einen Raddrehzahlsensor aus und berechnet die angezeigte Zahl digital. Der bewusste positive Versatz ist in der Firmware festgelegt und bleibt gleich, ob das Auto fabrikneu ist oder 200.000 km gelaufen hat.

Warum die Reifengröße noch wichtiger ist als der Versatz

Der werkseitige Versatz bringt dir 3 bis 5 Prozent über der Wahrheit. Reifenwechsel können die Anzeige darüber hinaus um mehrere Prozent in beide Richtungen verschieben.

Ein abgefahrener Reifen hat einen kleineren Umfang als ein neuer. Sind deine Reifen halb durch, sind sie wahrscheinlich 1 bis 2 Prozent kleiner als am Tag des Kaufs. Kleinerer Umfang bei gleicher Raddrehzahl bedeutet, dass du tatsächlich langsamer fährst als das Auto denkt, der Tacho zeigt also noch stärker über. Ein Auto, das ab Werk 3 Prozent zu hoch zeigt, mit 2 Prozent Reifenverschleiß, zeigt eher 5 Prozent zu hoch.

Nachrüst-Räder und -Reifen verändern die Anzeige deutlicher. Größere Räder mit Niederquerschnittsreifen haben oft einen etwas größeren Gesamtdurchmesser als die Serie, der Tacho zeigt dann zu niedrig an. Das ist einer der wenigen Wege, wie dein Armaturenbrett aus dem gesetzlichen Rahmen rutschen kann, und viele Automagazine prüfen das beim Test von Felgen-Upgrades gezielt.

Der Reifendruck spielt in geringem Maße auch eine Rolle. Ein zu schwach aufgepumpter Reifen hat einen sehr leicht kleineren Abrollumfang (die Aufstandsfläche wird flacher, der effektive Radius sinkt). Der Effekt liegt höchstens in der Größenordnung von 0,5 Prozent, also unter der Wahrnehmungsschwelle am Zeiger, aber er ist real.

Warum GPS genauer ist

Die GPS-Geschwindigkeit hängt nicht vom Reifenumfang, von Getriebeübersetzungen oder werkseitigen Firmware-Entscheidungen ab. Sie wird aus deiner Position relativ zu einer Flotte von Satelliten mit Atomuhren berechnet. Die modernen Empfänger in Handys nutzen sowohl Positionsunterschiede als auch die Doppler-Verschiebung der ankommenden Satellitensignale, was eine Geschwindigkeit mit einer Genauigkeit von rund 0,1 m/s bei klarem Himmel ergibt. Das sind etwa 0,2 mph oder 0,3 km/h, weit unter der Auflösung jedes Tachozeigers. Für eine ausführlichere Erklärung der Physik siehe unseren Beitrag dazu, wie ein Browser deine Geschwindigkeit misst.

Wenn ein Automagazin echte Beschleunigung misst, nutzt es GPS-Zeitmessgeräte, nicht das Armaturenbrett. Wenn die Autobahnpolizei deine Geschwindigkeit für eine Anzeige misst, nutzt sie Radar oder Laser, nicht dein Armaturenbrett. Beide Methoden sind auf den wahren Wert kalibriert. Dein Armaturenbrett ist die eine Zahl, die bewusst falsch ist.

Wann das Armaturenbrett trotzdem gewinnt

Rechtlich ist der Tacho deines Autos das maßgebliche Instrument. Wenn du wegen zu schnellen Fahrens angehalten wirst, vergleicht die Beamtin oder der Beamte ihren Radarwert mit dem, was dein Zeiger zeigt, nicht mit dem, was dein Handy zeigt. Vor Gericht gilt dasselbe. Die Verteidigung "aber mein GPS sagte, ich sei nur 65 gefahren" funktioniert nicht.

Das Praxisfazit: Fahre nach dem Zeiger, nicht nach dem GPS. Der Zeiger ist konservativ, das hält dich auf der sicheren Seite des angeschriebenen Limits. Nutze GPS, um den Versatz an deinem konkreten Auto zu überprüfen, nicht um schneller zu fahren als erlaubt.

So testest du dein konkretes Auto

Das geht in 10 Minuten mit einem Handy:

  1. Öffne gpsspeedometer.io im Browser deines Handys. Befestige das Handy so, dass du es ansehen kannst, ohne den Blick zu lange von der Straße zu nehmen.
  2. Suche eine ebene, gerade Straße ohne Verkehr. Eine Autobahn mit stabilem Tempomat ist ideal.
  3. Stelle den Tempomat auf 30 mph. Warte 30 Sekunden, bis sich beide Werte stabilisiert haben. Notiere den GPS-Wert. Wiederhole bei 50, 70 und 90 mph, wenn es sicher ist.
  4. Berechne den Versatz bei jeder Geschwindigkeit: (Anzeige − GPS) / GPS × 100 ergibt den prozentualen Fehler.

Ein typisches Ergebnis für ein aktuelles Serienfahrzeug: das Armaturenbrett zeigt bei 30 etwa 1 bis 2 mph zu hoch, bei 50 etwa 2 bis 3 zu hoch, bei 70 etwa 3 bis 5 zu hoch und bei 90 etwa 4 bis 6 zu hoch. Der Fehler wächst mit der Geschwindigkeit, weil der Versatz meist ein Prozentwert ist und keine feste Zahl.

Sind deine Werte deutlich daneben (sagen wir 10 Prozent zu hoch oder eine beliebige Unteranzeige), prüfe die Reifen. Vergleiche die montierte Reifengröße mit der Werksvorgabe in der Betriebsanleitung oder auf dem Türaufkleber. Nachgerüstete größere Räder sind die häufigste Ursache größerer Abweichungen.

Solltest du neu kalibrieren?

Bei den meisten Serienautos: nein. Die 3 bis 5 Prozent Überanzeige sind genau das, was der Hersteller wollte, und liegen klar im gesetzlichen Rahmen. Fahre nach dem Zeiger.

Autos mit Nicht-Serien-Rädern und -Reifen: vielleicht. Hast du auf einen deutlich anderen Reifendurchmesser gewechselt, ist dein Tacho mit hoher Wahrscheinlichkeit daneben. Ein Diagnosegerät kann den Firmware-Versatz an deinen neuen Reifenumfang anpassen. Deine lokale Tuning-Werkstatt weiß, wie. Die Kosten liegen meist unter 100 USD.

Ältere mechanische Tachometer (Autos vor 2000): Welle, Zahnräder und Feder können verschleißen und driften. Eine Spezialwerkstatt kann neu kalibrieren, aber das lohnt sich nur, wenn der Fehler groß ist.

Schnellübersicht

  • Werkseitige Tachometer zeigen 2 bis 5 mph (3 bis 8 km/h) zu hoch. Das ist normal.
  • EU-Regel: nie zu niedrig, nie mehr als 10 % + 4 km/h zu hoch.
  • US-Regel: ähnlich, etwa 5 mph maximale Überanzeige.
  • Reifenverschleiß bringt weitere 1 bis 2 Prozent Überanzeige.
  • Größere Räder zeigen meist zu niedrig, Serienräder mit abgefahrenen Reifen zeigen mehr zu hoch.
  • GPS ist bei klarem Himmel auf etwa 0,5 mph genau. Das ist der ehrliche Wert.
  • Fahre nach dem Armaturenbrett. Nutze GPS, um den Versatz an deinem konkreten Auto zu prüfen.

Du kannst den Test sofort machen: öffne den Live-Tachometer auf deinem Handy, fahre ruhig und beobachte die beiden Zahlen. Oder rechne deine Höchstgeschwindigkeit hin und her mit den Tools MPH zu KPH und KPH zu MPH.

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